Es ist MICWOC!
Yay ~ du hast es geschafft!
Du bist wieder angekommen in der
Mitte der Woche
mit einem neuen Beitrag von mir (aka Mic).
Hier zeige ich dir Einblicke in mein kreatives Schaffen.
Neben meinem Debütroman, an dem ich im Hintergrund arbeite, habe ich nämlich jede Menge kleinere und mittelgroße Projekte, die ich euch selbstverständlich nicht vorenthalten möchte.
Viel Spaß!
PS: Die hier veröffentlichten Texte werden nur für euren persönlichen Lesegenuss zur Verfügung gestellt. Für alle weiteren Verwendungszwecke bedarf es meiner ausdrücklichen Zustimmung.
micwoc no 9: (06.08.25)
Que sera sera!
micwoc no 8: indirekte rede (30.07.25)
Es traf sich einst
dass zwei sich trafen
eines belieb‘gen Nachmittags
mit strammem Schritt
auf weiten Straßen:
Hallo – Guten Tag!
Du, hier? Auch unterwegs?
Na sowas, wohin denn geht’s?
Zur Bank
Zum Zoo
Ach, sieh an!
Die Richtung gleicht sich wohl,
wollen wir dann
zusammen gehen?
Sehr gerne doch
ist der Tag nicht schön?
Ohja, so mild und nicht zu kalt
Wie geht’s der Familie?
Ach, die Knie, wir werden alt
weißt du noch wie schön‘s früher war
die Teller aß ich leer – Respekt gabs auch noch mehr
und die Kinder, werd‘n sie nicht zunehmend sonderbar?
Jaja, die treffen sich und reden nicht,
Der Blick zu kurz, hätten sich nie gesehn
Wie du und ich, zufällig im Vorrübergehn
Oh diese Handys, machen Kommunikation so fürchterlich
und die Menschen verlieren, was einst war so wesentlich -
Übrigens, da gabs ein gutes Angebot im Prospekt neulich
Ja echt? Sag an, ein neues bräuchte ich
mein altes hat zu wenig Größe und zu viel Gewicht
Wird alles besser, verrückt diese Technik
Aber was soll man bloß sagen, über die Politik?
So plätschern Worte wie der Schritt, bis
plötzlich
einer im Takt sich vertritt,
denn staunend sieht er sich um:
Wo sind wir bloß – noch nie war ich hier
bist du sicher des Wegs, auf dem ich folgte dir?
Was hör ich- du folgtest mir? Ich dachte, du führst uns an!
Aber nein, dafür war dein Schritt zu entschieden und stramm
-natürlich, ich laufe schneller im Gespräch
Sag bloß, du kanntest gar nicht den Weg?
Ja klar, sicher nicht, ich hoffte von dir ihn zu lernen
Und ich wunderte mich, dass wir uns so weit entfernten
Bitte was? Warum sagtest du denn nichts?
Na, wie denn? Wir redeten doch!
Und so standen sie beide und starrten sich an:
Die Worte den Mündern aus der Fassung geflossen
sodass in der Stille, die nun die beiden verband
mit leichter Verspätung, Verstehen entstand.
~~~
Kommunikation ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Mein Redeverhalten wurde früh kommentiert („zu laut“ „zu schnell“ „zu aufgeregt“ „zu viel“) und je mehr ich darauf achtete, desto mehr Baustellen sah ich. Wenn neben dem Wie auch das Was, Wer und Wann beachtet werden müssen, gerät man schnell ins Stolpern.
Denn Missverständnisse lauern an jeder Ecke, bieten (im Nachhinein) aber auch spannende Einblicke: was wurde gesagt, was wurde gehört und was wurde eventuell nur vermutet? Kommunikation ist selten direkt, selbst wenn man glaubt, Dinge beim Namen zu nennen.
Daher kamen mir auch genau diese Idee, als ich bei einer Wettbewerbsausschreibung das Thema „Umwege“ sah.
Ich dachte an Kommunikation, die sich bisweilen schnell verlaufen kann. Wenn man glaubt, dass man miteinander redet, aber das Eigentliche ungesagt bleibt. Wenn man den Ausstieg verpasst oder an einer Frage falsch abbiegt und vergessen hat, wo man eigentlich hinwollte. Dann kann es etwas dauern, bis man zurück zum Ziel findet.
Da ich selbst eine gewisse Historie mit Umwegen habe, die nach wie vor von meiner beeindruckend zuverlässigen Orientierungslosigkeit bereichert wird, verknüpfte ich die „Umwege“-Thematik auf beiden Ebenen: der lokalen und der kommunikativen.
Beim Schreiben war meine Stimmung durch Gedichte von Kästner und Gernhardt geprägt, weshalb ich mich an einem humorvollen Text in eher lyrischer Form versuchen wollte. Dabei wollte ich bewusst Störungen in Reim und Melodie einbauen, als Untermalung der ziellosen, kantigen Kommunikation, die auf den ersten Blick fließend scheinen könnte und doch nicht wirklich ineinandergreift.
Erst am Ende kommt es zu einer Ahnung, einem Hinterfragen, einem Erkennen der Situation, erst am Ende finden beide auf die gleiche Ebene, den gleichen Klang.
Im Nachhinein überlege ich manchmal, ob der Text als Prosa doch besser funktioniert hätte, meine Tendenz bleibt aber noch bei seiner aktuellen Form. Mal sehen, was ich in Zukunft dazu denke :)
micwoc no 7: der besuch (23.07.25)
Die Klingel schrillt plötzlich, laut und lang.
Roswitha schreckt auf. Nicht wegen der Lautstärke, die Klingel ist schon seit längerer Zeit kaputt, sondern wegen der Uhrzeit.
Es ist Donnerstag, 15 Uhr. Die Essenslieferanten kommen erst morgen und der Postbote war längst da gewesen.
Wer kann das sein?
„Maria, öffnest du die Tür?“
Roswitha hört ihre eigene Stimme in dem Getöse nicht und fürchtet schon, selbst aufstehen zu müssen, da tritt Maria aus der Küche. Wischt die Hände an der Schürze ab und verschwindet durch die Wohnzimmertür in die Diele, um dem Lärm ein Ende zu bereiten.
Die plötzliche Stille lässt Roswithas Herz noch schneller schlagen.
Sie spitzt die Ohren. Wer mag wohl an der Tür sein?
Eine Frauenstimme antwortet Marias leisem Gruß. Zu jung, um von Roswithas Nachbarinnen zu stammen. Vielleicht eine Zeugin Jehovas? Die waren schon lange nicht mehr da gewesen. Nicht, seitdem Maria sie mit einem hocherhobenen Staubsauger aus dem Haus gejagt hatte.
Die Tür schließt sich leise klackend, die fremde Stimme bleibt.
Rascheln, ein Aufhängen von Jacken, Schuhe, die nicht ausgezogen werden.
Wie unhöflich.
Die Wohnzimmertür öffnet sich, und mit ihr Roswithas Mund.
Dann brandet eine Welle der Freude durch ihren Körper, wie sie sie seit ihrer Hochzeit nicht mehr gespürt hatte.
„Hallo Mama.“
„Theresa!“ Roswitha stützt sich mit fahrigen Händen von dem Sessel hoch.
„Bleib sitzen!“
Ihre Tochter tritt eilig an sie heran, umarmt sie umständlich. Die kalte Herbstluft klebt noch an ihren Schultern.
„Maria, sieh doch, wer da ist“, strahlt Roswitha und zeigt auf ihre Tochter.
Theresa lächelt verlegen. Sie sieht gut aus, die blondierten Strähnchen sitzen ordentlich in einem professionellen Dutt.
Sie sieht aus wie eine erfolgreiche Geschäftsfrau.
„Setz dich, möchtest du etwas trinken?“
Theresa sieht sich unsicher nach Maria um, doch die ist bereits in der Küche verschwunden, um kurz darauf mit einem Glas Wasser für Theresa zurückzukommen.
Theresa dankt ihr und Roswitha nimmt überglücklich ihre Hände.
„Gibt es dich auch noch“, flüstert sie, fühlt mit Wonne die glatte Haut ihrer Tochter in ihren runzligen Fingern.
„Ja, es ist eine Weile her...tut mir-“
„Ach, das spielt doch keine Rolle, wie geht es dir?“
Theresa löst eine Hand, um einen Schluck zu trinken. Dann erzählt sie. Von ihrer Arbeit, ihren Reisen, ihrem neuen Partner. Roswitha staunt, was sie alles erlebt hat und platzt förmlich vor Stolz.
„Dieser Paul klingt toll, bring ihn gerne beim nächsten Mal mit!“
Theresa verspricht es und schaut auf die Uhr.
„Tut mir leid, ich muss leider schon wieder los.“ Die Worte löschen die Freude in Roswithas Herzen wie ein Guss Eiswasser.
Doch sie sieht das Bedauern auf dem Gesicht ihrer Tochter, erträgt es nicht, der Grund dafür zu sein.
„Alles gut, meine Liebe, du hast viel zu tun. Dass du hier warst, das du dir die Zeit genommen hast...du hast mir solch eine Freude bereitet!“
Theresa strahlt, umarmt sie.
Roswitha atmet ihren Duft tief ein, sie wird noch Wochen von diesem schönen Moment zehren.
Dann löst sich Theresa.
Roswitha sieht hinter dem wässrigen Schleier gar nicht mehr, wie sie das Wohnzimmer verlässt.
Hört nur die Schuhe, die nie ausgezogen worden waren, dann Jackengeraschel.
Die Tür fällt ins Schluss, dann kurze Stille.
Schritte, gedämpft von Hausschuhen. Maria.
„Kannst du das glauben“, flüstert Roswitha überwältigt.
Maria lächelt ihr zu.
„Ich freu mich für dich“, sagt sie und streift sich die Schürze ab.
„Gehst du schon?“
Maria nickt. „Ich muss Tim vom Fußball abholen. Das Essen steht auf dem Tisch, es ist noch warm.“
Roswitha wirft einen Blick auf die Uhr. „Aber es ist erst 16 Uhr. Ich habe noch keinen Hunger.“
Marias Lächeln verblasst etwas. „Dann mach es nachher in die Mikrowelle.“
Der Tonfall gefällt Roswitha nicht.
Missbilligend presst sie die Lippen zusammen, wendet sich ab.
Sie hört Maria seufzen.
Schritte, Hausschuhe die gegen normale getauscht werden.
„Bis morgen, Mama“, schallt es, dann fällt die Tür ins Schloss.
~~~
Eigentlich wollten wir über die Leertaste schreiben. Nachdem Denise in einem ihrer wundervollen Poesieplausche einen Text dazu verfasste, brannten wir darauf, uns an unsere eigenen Versionen zu wagen.
Stattdessen wurden uns willkürliche Tasten zugelost und was soll ich sagen? Stirnrunzelnd betrachtete ich die Taste, die mein Finger zufällig ausgewählt hatte: Komma und Semikolon.
Sofort ratterte mein Kopf alle Assoziationen durch, die ihm dazu einfielen, was zu der folgenden Beobachtung führte:
Komma und Semikolon in einem Zug. Wo das Semikolon in seiner Seltenheit eine tiefe Bedeutung erhielt, ist das Komma in seiner Häufigkeit eine Stolperfalle, die ihrer Funktion ungeachtet wenig Liebe erntet.
Und während ich diesen Gedanken auf Papier krakelte, machte etwas in mir Klick. Ich konnte nicht sofort zuordnen, wo das Geräusch herkam und was auf mich zukam, aber ich spürte sofort, dass mehr dahinter steckte.
Also folgte diesem ominösen Gefühl tiefer, durchforstete meine Erfahrungen nach Anhaltspunkten zu den Themen „Seltenheit“ und „Bedeutung“, ihrer Wechselwirkung und Gewichtung je nach Zusammenhang.
Und dann fand ich sie, diese Szene, die sich aus Erfahrungen und verschiedenen Gesprächen in den letzten Jahren zusammenfügte und von meiner Erkenntnis über Komma und Semikolon auf den Punkt bringen ließ.
Das zwischenmenschliche Paradox, dass man die Menschen, die einem am nächsten sind, manchmal am selbstverständlichsten betrachtet oder übersieht, dass der seltenste Gast als der wichtigste angesehen wird, dass die alltäglichen Gesten neben der Ausnahme verblassen.
Die Figur der Maria habe ich dabei schon in unterschiedlichsten Rollendynamiken mitbekommen: die Mutter, bei der als sicherer Hafen zwischen Liebe und Missmut sämtliche Emotionen der Kinder in der reinsten Form abgeladen werden bis hin zur Tochter, die ein Elternteil pflegt und dabei um eine Balance zwischen Fürsorge und Selbstliebe ringt.
Das magische an dem Text war die Klarheit, mit der er einschlug. Er mochte in einer knappen halben Stunde von Hand runtergeschrieben worden sein, aber den Stoff hatte ich über Jahre durch wiederholte intensive Auseinandersetzung sorgsam gesammelt.
Nur ein zündender Gedanke und ehe ich mich versah, fügte sich alles zu einer Szene zusammen, einem kleinen Moment, der das große Ganze greifen konnte. Es ist für mich eine Kurzgeschichte, wie ich sie oft schon bewundert habe und worauf ich entsprechend super stolz bin:
Eine tiefgreifende, komplexe Dynamik auf einfache Art auf den Punkt gebracht, ohne viel Bling direkt und ehrlich serviert. Keine Wertung, kein Appell, nur eine Einladung auf ein Treffen mit eigenen Erfahrungen, sei es in der Rolle der Maria, Theresa oder Roswitha.
micwoc no 6: steckdosenschnittlauch
„Was ist das denn“, wundere ich mich, als ich dich zwischen all den anderen Pflanzen in der Box entdecke. Eine „Überraschungsbox“, wie die Werbung mich zum Kauf verlockte, Pflanzen, die man retten könne.
Die Überraschung in der Kiste, das bist wahrlich du.
Während ich freudig gespannt eine Pflanze nach der anderen raushole und möglichst passenden Übertopfen zuordne, hüpft mein Blick immer wieder unsicher zu dir.
Zwischen all den flachblättrigen Damen von schmal zu länglich zu großflächig und fächernd stakst du mit runden, dünnen Halmen wirr in alle Dimensionen, wie Schnittlauch, der in die Steckdose gefasst hat und sich weigerte zu verbrennen, dafür nun aber sämtliche Spannungsphasen visuell darlegt.
Kein Röhrchen gleicht hier dem anderen, von Spirale über gewellt zu sanft gebogen und in kantigen Knicken biegt sich dein Grün zur Sonne, zur Erde, nach innen und außen.
Immer wieder kehrt mein Blick zu dir, aber erst am Ende, wenn alle versorgt sind, nehme ich dich und suche einen Platz für dich.
Etwas ratlos bin ich dabei, ich weiß nicht ganz, was ich mit dir anfangen soll.
Was bist du bloß für ein Gewächs?
Zaghaft ziehe ich ein paar verworrene Halme, die sich ins Innere verhedderten, damit auch sie eine Chance haben, auf den Weg ins Licht.
Jaja, Pflanzenretterin, die ich bin, entwirre ich mit Bedacht
und stelle fest,
dass die Halme glatt aber bestimmt sich zwar kurz meiner Richtung fügen, dann aber wieder entschieden an ursprünglichen Ort und Stelle zurückgleiten.
Achso, denke ich.
Die waren gar nicht gefangen.
Also sehe ich genauer hin.
Schau es mir an, dein Chaos.
Kein Halm wie der andere.
Keine Ordnung, kein System.
Und doch bist du…du.
Biegst dich nicht nach fremdem Locken.
Suchst weder Sonne noch Erde
sondern
Alles
auf einmal
gleichzeitig
und auch wenn so manche Spitze bräunlich schwächelt
glänzt dein Grün
in dem Schönsten Selbstbewusstsein,
das ich im Schein des ersten Blicks
als bizarres Gras verkannt
nun
als Seelenfreund erkenne.
~~~
Man lernt nie aus – vor allem was einen selbst betrifft. Nachdem ich nun schon einige Jahre mit mir verbracht habe, kristallisieren sich nach und nach neue Erkenntnisse heraus, die mir Fortschritt und Freude gleichermaßen bringen.
Eine dieser Erkenntnisse betrifft Schuhe – oder wohl eher Steinchen in Schuhen. Diese winzigen kleinen Teilchen, die einen beim ersten Schritt so auffällig pieksen, dass man stehen bleibt, um sie rauszuholen.
Und dann bitte bloß nicht wegschmeißen! Denn was trotz geringer Größe solche Aufmerksamkeit auf sich zieht, das verdient einen genaueren Blick. Ist es ein Steinchen, ein Stachel, ein Splitter?
Bisher fand ich meist ganz andere Dinge, die mich im Vorbeigehen griffen, aus der Beiläufigkeit rissen und am Weitergehen hinderten: Von Kleidungen, über Texte bis zu meinem Ehering traf ich viele gute Entscheidungen, die mit einem unscheinbaren aber störrischen Pieksen begannen.
Meist spürte ich beim Anblick dieser Gegenstände ein kurzes Aufflickern von Interesse, das ich aus verschiedenen Gründen verwarf: warum sollte ich mir einen Geldbeutel mit einer apfelgrünen Schildkröte kaufen, wenn ich sonst nur auf Dinge mit Schafen, Eulen und Füchsen ansprang? Der Ring mochte ganz cool sein, aber dieser mittige schwarze Streifen passt gar nicht zu mir.
Doch während ich dieses abwegige Interesse zu ignorieren versuchte, wanderte mein Blick immer wieder zurück zu diesem kleinen bizarren Gegenstand, der so gar nicht in mein Muster, mein bisheriges Bild von mir passte und offenbar doch Teil von mir sein wollte.
Die Beharrlichkeit, mit der mir die kleinen Kieselsteinchen ins Auge fielen, löste letztlich eine aufmerksamere Auseinandersetzung mit meinen Beweggründen und mir auseinander und führte meist zum Kauf.
Und es sind gerade diese Gegenstände, die aus der Reihe springen und mich zum Stolpern brachten, die zu meinen liebsten Stücken wurden und mir auch nach Jahren ein Grinsen ins Gesicht zaubern.
Genau so war es auch bei meiner Begegnung mit dem „Steckdosenschnittlauch“. Die Pflanzenbox hatte ich kurz zuvor bestellt und Denise gab uns just an diesem Tag im Poesieplausch den Impuls, uns ausführlich mit einem unserer grünen Zöglinge zu befassen. Also wällte ich den kleinen grünen Kieselstein, der mich einfach nicht losließ – meinen Steckdosenschnittlauch.
Die Erfahrung schildert der Text selbst – und auch die Auswirkungen, die meine Auseinandersetzung mit ihm hatten. Das befremdliche Interesse wandelte sich bei genauerer Betrachtung über Belustigung zu einer tiefen Verbundenheit.
Mittlerweile ist der Text fast ein Jahr alt – und doch spüre ich noch immer jedes Mal eine Mischung aus Trost, Mut, Inspiration und Ruhe, wenn ich meine schreibende Annäherung an das bis dato unbekannte Grünzeug lese.
Das Besondere dabei ist der Moment, als beschreibende Prosa in tieferliegende Lyrik aufbricht und mit dem letzten Vers einen Schalter umlegt, einen Schalter, der mich mit dieser kuriosen Pflanze, der Selbstverständlichkeit ihrer Existenz und einem tieferen Verständnis meines scheinbar willkürlichen Interesses verbindet.
Der Moment, in dem ich ganz unverhofft mich ein bisschen besser kennenlernen durfte und alles, was es dafür brauchte war eine Anweisung: Schau ihn dir mal genauer an, diesen Kieselstein, der deinem Bewusstsein drückt, der dich irgendwie festhält und vielleicht deinen Blick auf etwas Neues führen könnte.
micwoc no 5: zisch, die Fliege, will nicht fliegen
Zisch ist eine Fliege, aber will nicht fliegen.
Halt, habe ich mich da verhört?
Zisch, die Fliege, will nicht fliegen?
Das kann doch nicht sein!
Sind Fliegen nicht zum Fliegen da?
Wer fliegt denn sonst hinter Fliegen wenn nicht Fliegen hinter Fliegen fliegen –
ja das ist unerhört, das ist sonderbar.
Gibt es denn keinen anderen Grund?
So wundern sich die Tiere von klein zu groß
reden sich von Land zu Luft den Mund wund.
Ein zu starker Wind, ein gezerrtes Flügelein?
Wieso sonst sollte Zisch denn zu Bein unterwegs sein?
Ja, sechs Beinlein mag er haben, zwei mehr als Hund und Katz
Aber zu Fuß entläuft er doch keiner Amsel, keinem Spatz!
So flink er auch wuselt, das Fliegen geht schneller,
schämt sie sich für sein Brummgeräusch ähnlich einem Propeller?
Und ist sie nicht dankbar für die Gabe der Flügel,
ärgert sich das Nagetier in seinem Erdhügel.
So oder so, das Tierreich versteht es nicht,
eine Fliege die nicht fliegt, was alle Regeln bricht.
Doch Zisch die Fliege hört bald nicht mehr zu.
Ein Bein vor das andere, husch, flitzt sie im Nu
Über duftende Gräser den Abhang hinauf,
muss sie denn fliegen, wenn laufen geht auch?
Wo keine Eile, da keine Not.
Schmiert sich nicht auch sonst jeder sein eigen Brot?
Zisch mag Laufen und Fliegen ist keine Pflicht,
drum lass ihm seins, sei kein Wicht.
~~~
Oft genug hört man von Potential, das nicht ausgeschöpft wird, von Talenten, die verschwendet werden.
Du bist klug? Dann musst du gute Noten anstreben, studieren, am besten Medizin oder Jura. Du kannst gut singen oder bestitzt ein besonderes Gefühl für Rhythmus? Warum wirst du kein Sänger, gehst nicht in die Musikindustrie?
Irgendwie scheint es eine Pflicht zu sein, dass man das tun soll, was man besonders gut kann. Und natürlich muss es einem auch Freude bereiten – weil es einem ja so leichter fällt als anderen oder weil man schon so viel Übung investiert hat.
Dahinter steckt ein Gedanke, der Leistungsfähigkeit und Wettkampfvorteil an höchste Stelle setzt. Mag vor dem Hintergrund der Evolution durchaus Sinn machen, heißt aber nicht, dass man das so weiterleben muss.
Der Unterschied zwischen Überleben und Leben ist für mich die Freiheit, die wir uns einräumen können.
Die Freiheit, nicht immer der Vernunft folgen zu müssen, Umwege gehen und Fehler machen zu dürfen, Erwartungen anderer unerfüllt zu lassen.
Die Freiheit einen Weg zu verlassen, wenn wir erkennen, dass das Ziel uns doch gar nicht so gut gefällt wie gedacht oder das Tempo rausnehmen und die kleinen Pausen genießen, selbst wenn sie eine Ankunft verzögern.
Zisch, die Fliege, die nicht fliegen will, war hierbei mein Versuch diese Gedanken auf humorvolle Art in einfache, alltägliche Bilder zu verpacken.
Den Ansporn dafür nahm ich, als ich mal wieder über ein Gedicht von Heinz Erhardt stolperte. Wie kann man so witzig schreiben und dabei die Welt auf den Punkt bringen? Und dabei Menschen unabhängig von ihrem Alter unterhalten, in sämtlichen Emotionen ergreifen und bewegen?
Denn genau das macht gute Kinderliteratur: letztens erst sah ich zu, wie ein Freund seiner Tochter eine Geschichte von Peterson und Findus vorlas und auch den Opa daneben immer wieder zum Schmunzeln und Lachen brachte.
Ich will das auch können.
Die ein oder andere Geschichte habe ich schon geschrieben – das heutige Gedicht habe ich laut meiner Notiz vor vier Jahren verfasst (erschreckend, ich war mir sicher, es war vor zwei). So richtig drin bin ich leider noch nicht (es gelingt mir nu ab und zu ein brauchbarer Text), aber ich bleibe dran.
Denn nichts ist so magisch wie ein Text, der einen im Leben begleiten und mitwachsen kann.
Wie ein guter Freund, den man alle paar Jahre sieht und mit jedem Treffen ein Stück Heimat besucht.
micwoc no 4: der erste schritt
Ist es der erste Schritt, der mich in ein neues Land bringt
Oder dein Anblick, der in dunklen Gedanken ein Lächeln abringt,
ist es der Gedanke, der sich vor das Wort stellt
oder ist es eine Absicht, die meine Gefühle verfehlt?
Wenn ich nun gehe, muss ich dann glauben,
dass mein Reiseziel mich an sich zog,
wenn ich nun lache, soll ich dir danken
weil es deine Präsenz war, die mich dazu bewog?
und wenn ich ihnen folge
den Gefühlen, ihren Spuren
auf meinen Gedanken ihre Wege zurückspulend
finde ich dann, wo alles begann
was ich fühlte, was ich ersann
sehe ich dann, ob es von außen oder innen
den Anstoß nahm, mich in Bewegung zu bringen?
und ehe ich suche, ehe ich reise
in tiefe Dunkelheit hinab
stellt sich die Frage wichtig und leise
muss ichs denn wissen,
welche Form mein Feuer vor dem Funken hat
oder will ich nicht lieber
dem Knistern lauschen
das fröhlich, wild und frei
weiß meine Nächte zu berauschen
und Tage einzuläuten
wann immer ich sie sehne herbei?
~~~
Meine Freundinnen überraschten mich mit einem schönen Wochenende in Düsseldorf. Neben kulinarischem Geschlemme gab es auch etwas für die kreative Seele – Keramik nach eigenen Wünschen bemalen.
Da man nie genug Schüsseln haben kann, war diese Entscheidung schnell getroffen – danach wurde es kniffliger. Für die meisten Farben gab es Musterscherben und im Nebenraum standen Produkte von anderen Kunden und Kundinnen, an denen man sich orientieren konnte. Dennoch zögerte ich meinem ersten Impuls zu folgen: pastellrosa, gelb und hellgrün, ist das nicht super cliché?
Ich brauchte etwas innere Überzeugungsarbeit, um mich zu der Entscheidung durchzuringen: Spielt es denn eine Rolle, ob es cliché ist? Wenn es mir gefällt, dann reicht das doch!
Außerdem trafen die Farben für mich genau das auf den Punkt, woran ich mich zu dieser Zeit besonders erfreute: da lag ein zarter Frühling in der Luft, ein Versprechen auf mehr Licht und Farbvielfalt nach einem langen, harten Winter.
Gedacht, getan.
Mit Farben und Schürzen bewaffnet durften wir uns in einem gemütlich eingerichteten Raum versammeln und unsere Schalen mit Schwämmchen und Wasser säubern.
Bereits nach den ersten Pinselstrichen sah ich schnell ein, dass die filigranen Muster, die meine Freundinnen auf ihre Schüsseln zauberten, außerhalb meiner Fähigkeiten lagen. Also beschloss ich meiner Zögerlichkeit ein paar kühne, großspurige Blüten entgegenzupinseln und ich muss sagen – es hat sich gelohnt!
Und das nicht nur wegen der wundervollen Schüssel, dem meditativen Entspannungsfaktor, den ihre Bemalung mir schenkte und der schönen Zeit mit meinen Freundinnen.
Auch der Ladenbesitzer machte das Ereignis zu einem angenehmen und inspirierenden Erlebnis. Er erzählte uns, dass er zuvor als Friseur gearbeitet hatte und mit 40 Jahren beschloss, etwas anderes tun zu wollen. Seine Wahl fiel auf Töpfern, er gab zuerst ein paar Jahre lang an der örtlichen Volkshochschule Töpferkurse und besitzt nun seit ein paar Monaten sein Geschäft, in dem er diverse Workshops durchführt und natürlich auch seine eigenen getöpferten Werke zum Verkauf anbietet.
Seine Geschichte zu hören, während man in diesem schön eingerichteten, gemütlichen Werkraum saß, der in jedem Winkel Freude am kreativen Arbeiten versprühte – bestätigte einen Gedanken, der mir schon häufiger durch den Sinn geisterte:
Manchmal muss man sich etwas trauen, seien es große Pinselstriche oder kleine Abweichungen von bekannten Pfaden.
Manchmal geht probieren über studieren und man merkt erst mit dem ersten Bissen, ob die neue Richtung einem schmeckt.
Und manchmal darf man dabei auch einfach auf sich vertrauen. Das, was scheinbar spontan und willkürlich aus einem bricht, kann im Nachhinein schon vor langer Zeit seine Wurzeln im Innern geschlagen und nur auf eine Chance gewartet haben – und selbst wenn nicht, ist nicht gerade das die Magie unseres kreativen Schaffens?
Wie wunderschön, dieses unverhoffte Entdecken einer neuen Welt, die manchmal nur einen Schritt, ein Wort, ein Lachen, ein Pinselstrich entfernt war.
1. Schritt: Bonbons in Griffnähe platzieren.
2. Schritt: Nicht in das falsche Schüsselchen fassen.
3. Schritt: Hoffen, dass die Farben nach dem Brennen noch immer genauso schön aussehen.
4. Schritt: Schüssel bei Tageslicht und Frischluft bewundern.
5. Schritt: Selbst vom leeren Anblick mit Freude füllen lassen.
micwoc no 3: schatten
Sie saßen draußen auf den Steinstufen, denn mehr war nicht übrig vom Elternhaus.
Wo einst abgasmarmoriertes Schweinchenrosa die Fassade zierte, gähnte jetzt ein Loch in der Luft, der Erde bis in ihre Herzen.
Das neue Haus war größer, schöner, besser. Nicht weit von hier, mit einem Zimmer für jeden, einem Zimmer in der Größe des alten Wohnzimmers.
Sie rückten näher zusammen, die unebenen Kieselsteine, aus denen man die alte Treppe gebaut hatte, schnitt in ihre Handflächen.
Trotzdem stützten sie sich auf ihr ab, auf dieser Treppe, unter der Müll, Spinnweben und Muffigkeit eine Ausstellung vergangener Jahrzehnte boten.
Irgendwo lag noch der Arm ihrer Puppe, den sie im Kampf gegen seinen T-Rex verloren hatte.
Ihre Hintern fühlten sich ganz verhagelt an, von den scharfen Steinchen, wie unbequem, aber sie ist noch da, die Treppe, also bleiben sie sitzen.
Schweiß sammelt sich in ihren Kniekehlen.
Im neuen Haus ist Schatten und ein Kühlschrank mit Eiswürfelspender, das gab es davor nie. Die Eltern hatten lange gespart dafür (keine Urlaube, kleine Geschenke), lange gespart für den Schritt nach vorne, Schritt nach oben, auf in eine glänzende Zukunft!
Die Sonne blendet und brennt auf der Stirn, dem Nacken.
Sie bleiben sitzen, spüren das Brennen in den Augen, die Leere gähnt in ihrem Rücken, wenn sie sich nach hinten fallen lassen, dann wäre da nichts
nichts als Wind und Freiheit, Luft vor dem Aufprall, Luft zum Atmen, Luft zum Fehler machen,
Fehler, die wehtun aber auch guttun, denn die Erde, sie würde sie halten, ihnen den Rücken stärken, dreckig, alt und geduldig.
Die Kante der Treppe schneidet in die Waden, brennt, wie die Sonne, brennt, wie die Augen, in den Ohren rauscht die Leere und sie sitzen dicht nebeneinander, Schweiß in den Armbeugen, Schweiß im Nacken, Schweiß in den Augen
folgen Abgasspuren auf der Straße vor ihnen, folgen den Rissen im Asphalt, der ihnen so oft die Knie aufgeschlagen hatte, jetzt haben sie Rasen, grün und kurz gemäht von einem Roboter, schön sieht er aus, schön akurat und saftig und unberührt.
Kein Tor, keine Hügel, keine Sträucher, keine Löcher, keine Fehler, nur ein grünes Gähnen, in das sie nicht hineinfallen wollen.
Denn hinter ihnen liegt die Freiheit, die man nun in einem großen Loch zu begraben versucht, das alte geduldige Haus wurde gerissen.
Platz für etwas Neues, Zeit für etwas Besseres, so strahlend schön wird die Zukunft,
sie greifen die Treppe und atmen tief ein, der Schmerz treibt ihnen Tränen in die Augen.
Ihre Haut wird rosa, wie die Fassade, deren Schatten sie werfen.
~~~
Auf einer Autofahrt hörte ich zufällig ein Interview mit einem Mann, der in einer wohlhabenden Antiquaritätenhändlerfamilie aufgewachsen war. Der Interviewer fragte ihn: „Wie war es denn als Kind, inmitten all dieser alten, teuren Möbel aufzuwachsen? Sagten deine Eltern dir nicht ständig: pst, pass auf! Hierauf kannst du nicht malen!“
Die Frage war für mich absolut nachvollziehbar – ich war nur allzu oft Zeuge des zerstörerischen Talents jüngerer Kinder geworden.
Umso überraschender und einleuchtender war die Antwort des Mannes:„Nein, nein, gar nicht. Das ist ja das Tolle an diesen alten Möbeln: die haben schon hundert Jahre überstanden, so schnell gehen die nicht kaputt. Sie sind für den Gebrauch gemacht und eine Kerbe mehr oder weniger macht da keinen Unterschied. Wenn überhaupt, dann ist das ja Teil des Charmes.“
Es war einer dieser prägenden kleinen ‚Ah-stimmt!‘-Momente, der besonders stark wirkte, weil er sich gegen etwas stellte, das man schon so oft gesehen und nie hinterfragt hatte.
Als Denise in ihrem Poesieplausch den Impuls „Sie saßen draußen auf den Steinstufen“ als Textbeginn vorgab, dachte ich nicht sofort an dieses Interview.
Stattdessen war da nur dieses Bild von zwei Kindern auf einer Steintreppe – und drumherum Leere. Ich hatte keine Ahnung, welche Geschichte ich dazu erzählen wollte – das Wo, Was, Wie – ich sah nur zwei Kinder auf den Stufen sitzend.
Zuerst stolperte ich über dieses detaillose Bild, dann machte ich diese Leere bewusst zum Gegenstand der Erzählung. Was, wenn das Haus hinter den Treppe tatsächlich nicht mehr da wäre?
Das führte natürlich zu der großen Frage: Warum?
Meine erste Spur gefiel mir nicht – die aktuellen Ereignisse rückten das Bild augenblicklich in ein Kriegsszenario, das sich für mich nicht richtig anfühlte.
Also suchte ich noch etwas weiter, bis ich eine Verknüpfung fand, die wiederholte Alltagsbeobachtungen in diesem Szenario verdichten konnte.
Immer wieder sehe ich wie die Realitäten von Kindern und Eltern aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungswelten und Prioritäten in leise oder laute Konflikte geraten.
Eltern, die ihren Kindern den Weg in eine bessere Zukunft ebnen wollen und durch ihre Erfahrungen berechtigte Forderungen stellen und
Kinder, die das Recht haben ihre eigenen Erfahrungen zu machen, Fehler zu machen, Kerben in Möbel zu hauen, weil sie deren äußeren Wert nicht kennen, nur ihre eigenen Wünsche im Hier und Jetzt.
Diese Diskrepanz von Realitäten und Bedürfnissen in einem kleinen Familienkreis standen für mich damit im Zentrum des Texts – ausgehend von einem Haus, das nicht mehr ist, einer Treppe, die nicht mehr genommen werden kann, einer Veränderung, die Chance und Verlust gleichermaßen bedeutet.
PS: Den Zeitwechsel habe ich bewusst im Text gelassen. Man stolpert etwas, aber ich mag die Treppe als Symbol des Übergangs, der mit der Vergangenheit verbindet und doch nicht mehr dorthin führen kann und somit unwiderruflich in die Gegenwart bringt.
micwoc no 2: unartige gedanken
III.
Waren Hänsel und Gretel
vielleicht gar keine
armen Kinder
sondern
unartige garstige Gedanken,
die ungefragt aus meinem Hirn
in einem unachtsamen Moment entsprangen
und
bin ich stiefmütterlich böse
wenn ich sie in tiefer Nacht
still und heimlich versuche
in das düstere Unterholz zu führen
das ihrer Natur entspricht
sie dort zurücklasse
und
ins Morgen flüchtend hoffe,
dass sie bald
Schnee von gestern sind?
Schnee, der
im nahenden Frühling schmilzt
und aus Dreck
Nahrung macht
Nahrung für
zarte Blüten und stolze Stämme,
die Schatten bieten
in heißem Sommer
Schutz bei
lauer Regennacht
oh bitte
lass sie dort begraben
pudrig weiß
unendlich still
oh bitte
lass sie ruhen
selbst wenn dort
nichts wachsen will
oh bitte lass die
Leichtigkeit
unbefasster Flocken
sie tiefer drücken
in die Unsichtbarkeit
auf dass sie nie
im Dunkel meiner Abgründe
die Hexe finden
die sie befreit
mit Zuckerbrot füttert
und die Peitsche ihnen reicht
oh bitte
lass sie
schlummernd
Schnee von gestern sein.
~~~
Da es an diesem Tag erstmals wieder schneite, machte Denise in ihrem Poesieplausch mit uns eine Fantasiereisereise in ein winterliches Draußen, ehe wir wieder in unser mentales Zuhause zurückkehrten.
Die Eindrücke sollten wir anschließend in Worten sammeln und zum Ausgang unserer Texte machen – eine halbe Stunde hatten wir Zeit…
Nur leider fiel mir absolut gar nichts ein also wirklich GAR nichts.
Ich hatte ein klares Bild vor Augen, ein Tannenwald unter einem gräulich violetten Himmel dämmernd, doch konnte ich keinen Pfad in dem meterhohen, unberührten Schnee dahin entdecken, die Worte blieben aus.
Denise sah das Zögern und versuchte zu helfen. Sie meinte, wir könnten auch gern über etwas ganz anderes schreiben - Ich wollte aber unbedingt mich dieser Challenge stellen und auch beim Gefühl von Ahnungslosigkeit schreiben. Und dann sagte sie etwas Entscheidendes:
„Ihr könnt euch sonst auch erstmal fünf Minuten etwas vom Herzen wegschreiben, manchmal braucht man das….“
Ich kenne die Phrase „sich etwas von der Seele reden“, aber vom „Herzen wegschreiben“ ?
Die Vorstellung sich schreibend von dem Herzen zu distanzieren, anstatt in all seiner Emotion einzutauchen; durch Worte also einen Abstand aufzubauen, um es von dort in klarer, kühler Nüchternheit zu betrachten, dieser Weg dorthin…
das war der Schlüssel, der meine Tür öffnete und mich in die Gedankenwelt entließ. Endlich sah ich den Pfad und es entstanden drei Texte, die aufeinander aufbauend mir zeigen, wie meine Gedanken wandern und den Weg dorthin finden, wo sie schließlich landen wollten.
Das Endprodukt ist der Text, den ihr zuerst gelesen habt: Unartige Gedanken/Hänsel und Gretel.
Die Texte, die mich dorthin führten, waren die folgenden:
I. (5 Minuten „vom Herzen wegschreiben“)
„Vom Herzen wegschreiben“, sagt sie und öffnet damit einen Pfad vor meinen Augen, der durch die schneebedeckten Wiesen mitten in den dunklen Wald führt.
Über sachte wiegenden Tannengipfeln erstreckt sich ein undurchsichtiger Himmel in zeitlosem Lilagrau.
Ich weiß nicht wie viel Uhr es ist und das ist auch gut so.
Ich bin nicht rausgegangen, um die Zeit zu sehen, die Sonne zu sehen, die Welt zu sehen.
Ich bin aus meiner Höhle gekrochen, um mich vom biestigen Winter wachkneifen zu lassen, schön in die Backen, bis sie glühen.
II. (25 Minuten Schreibzeit – Text II und II)
Wie weit muss ich sie werfen
Meine Worte,
wie tief in den dunklen Wald führen
wie viel Tränen kühlen, sieben und
pudrig fein verstreuen
dass sie,
meine Worte
den Weg nicht zurück finden,
um mir garstig in die Zunge zu beißen,
die Kehle runterkriechen und
meinem Herzen
fett in den Hintern treten?
Die drei Texte präsentiere ich hier (mit Ausnahme von ein paar Änderungen im Setzen der Absätze) in der Originalfassung.
Zwischen dem ersten und den zwei letzten gab es einen kurzen Austausch unter den Teilnehmern - aber ist es nicht erstaunlich, wie stimmig Worte und Bilder in so kurzer Zeit entstehen können, solange nur der richtige Impuls in der richtigen Atmosphäre gesetzt wurde?
micwoc no 1: der aufbruch
~~~ Wenn der Stift das Papier nicht verlassen darf~~~
Ich war noch nicht darauf vorbereitet, dass es schon losgeht und ich habe keinen Plan wie es weitergeht und mir fällt wieder auf, dass meine Schrift genau so sloppy ist wie meine Gedanken, meine Worte, die mir aus dem Mund stolpern wie betrunken, nur ohne die Ausrede von Alkohol und doch genauso beglückt und gelöst, denn was ist dieser Moment wenn nicht gelöst vom Alltag, gelöst vom Druck, einzig für mich lesbar und doch mit dem Drang nach außen zu treten
ich will schaffen ich will zeigen, was ich kann oder fühle oder was ihr fühlen könnt
ich will all das, was Geschichten mir geben selber auch in den Händen halten und formen,
ich will rotieren und dirigieren ohne den Takt anzugeben, denn eigentlich will ich nur mich selbst in den Händen halten und mein Inneres begreifen und graben, immer tiefer, bis ich all das entdecke, was es auf der Welt nicht mehr zu entdecken gibt,
entweder aufgrund mangelnden Geldes oder mangelnder Zeit oder Energie aber zugleich liebe ich das Entdecken, das Fantastische, ich will wissen wie viel es noch gibt, das mich faszinieren kann und will diese Freude teilen, aber ich habe keinen Plan wie, keinen Plan wie ich die Leichtigkeit des Genießens mit der Leichtigkeit des Schaffens kombiniere ohne an Wirkung zu verlieren
andererseits habe ich dieses glatte kalte Blatt, das meine Haut sanft begrüßt, mit offener Fläche meinen Stift duldet, egal wie sehr er schludert, egal wie sehr er kratzt, egal wie viel oder wenig Sinn es macht, was ich schreibe, aber ein Liebeslied an Papier ist auch langweilig, ich will Aufregung ich will Spannung und allem voran will ich Fantasie
wenn ich von Fantasie rede, dann meine ich Drachen, die im Kühlschrank Joghurt-Becher stibitzen. Ich meine Wesen, die Flügel haben und damit mehr können als fliegen, ich meine Tiere, die Fell und Augen haben, in Farben, die man nur in der Nacht sieht und die anstelle von Zähnen einen Mund haben, der einem Tunnel gleich Gefühle einsaugt oder der die Sonne anheizen kann, damit der Sommer kommt,
was wäre eigentlich, wenn die Sonne Urlaub machen wollte, würde sie dann andere Galaxien besuchen oder in die Arktis gehen? Würde sie Sterne mitnehmen oder den Mond? Dabei mag ich Galaxien gar nicht so gern, lieber Murmeln aus Glas, die so schön schillern, als gäbe es kein Morgen.
~~~
Zehn Minuten waren alles, was es für dieses Projekt brauchte. Zehn Minuten, in denen ich den Stift nicht absetzen durfte und ihn ungefiltert über das Papier jagte, meinen Gedanken dabei stets dicht auf den Fersen.
So befreiend diese Art des Schreibens war, so ratlos betrachtete ich das Ergebnis.
Wie konnte ich daraus eine Story für meinen Graphic-Novel-Kurs zusammenstellen?
Die Antwort lag im Austausch mit den anderen Kursteilnehmern.
Während ich ihnen die lose aneinandergereihten Grundgedanken zusammenfasste, zeigte mir ihre Reaktion schnell und deutlich, welche der dargelegten Überlegungen wirkungsvolle Bilder erzeugten.
Ein Drache der Joghurt mag – niemals wäre ich darauf gekommen, dass diese Idee originell oder witzig sein könnte. Ich merkte, dass die Gedankenbilder auch oder gerade aufgrund ihres lockeren Zusammenhangs Potential hatten und beschloss genau das zur Essenz meines Comics zu machen: Die Befreitheit ihrer Entstehung sollte sich auch in der Form ihrer Erzählung zeigen.
Wie meine Gedanken dürfen auch die Panels in unterschiedlichen Abständen springen, auseinandertriften und gleichzeitig aufeinander aufbauen, zusammenfinden und neue Wege gehen.
Daher kommt auch der Titel: Aufbruch. Erst wenn Worte unser Inneres verlassen, können sie sichtbar, greifbar, verständlich werden. Erst dann können wir durch sie, mit ihnen und uns, in einen Autausch treten. Erst dann können sie Form annehmen, neue Wege entdecken und neue Räume erschließen.
Wieso habe ich dann so gut wie keinen Text im Comic verwendet, wenn es doch eigentlich um die Befreiung durch und mit Worten geht?
Während der Konzeption und Umsetzung des Comics habe ich lange mit dem Gedanken gespielt, ein Gedicht parallel zum Text zu schalten. Zum Beispiel das Gedicht, das ich im Anschluss an den 10-Minuten-Text als Zusammenfassung der Hauptbilder verfasste:
Bei vielen Gedanken stolpern Worte mit Hast
Unverständlich in die Welt, müssen geformt werden mit Bedacht
Und den Formen und Farben deiner Fantasie – ein Drache entspringt!
Doch obacht, kann er auch fortfliegen, wenn er zu gut gelingt
Ohne Flügel ihn wieder zu fangen – keine Chance.
Traurig gehst du heim und findest im Kühlschrank, neben Joghurt Light Balance
Das kleine ungezügelte Fabeltier
Versucht ein Feuer zu spucken, da es etwas friert
Fäll die Entscheidung, du hast keine Wahl
Pack deinen Drachen, flieg mit ihm ins All,
und entdecke, was der Alltag nicht kennt
verrückte Galaxien, deine kreative Welt.
Doch gerade wenn es um die Macht der Wörter geht, müssen sie mehr sein, als ein Spiegel der Bilder. Wort und Bild sollten sich ergänzen, bereichern, nicht verwaschen. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde es.
Die befreiende Wirkung von Worten kann der Comic am besten transportieren, wenn er nicht nur Impulse sondern auch Lücken bietet, die Lesende mit ihren eigenen Erfahrungen und Gedanken füllen können. Dadurch wird die Thematik so viel persönlicher, lebendiger.
Entsprechend skizzenhaft wollte ich auch den Stil des Comics halten. Die visuelle Ausgestaltung näherte sich durch farbenreichen Aquarell an die Leuchtkraft schillernder, tanzender Gedanken, kehrte mit freigezogenen Buntstiften aber auch wieder zurück zu ihrem Ursprung: visuelle Ideenskizzen, die einerseits greifbar und doch frei in ihren weiteren Entwicklungsmöglichkeiten bleiben.
Seitdem ich 11 bin, lese ich täglich Comics und hätte doch die längste Zeit niemals damit gerechnet, selbst welche herzustellen. Ich freue mich unfassbar, dass es solch tolle Möglichkeiten gibt ~ ein großer Dank an die VHS mit ihrem Kursangebot und Nele Jongeling, die es mit ihrer inspirierenden Kursleitung geschafft hat, mir eine weitere Möglichkeit des kreativen Ausdrucks zu eröffnen.
Storyboard - Seite 2
Outline mit Filzstift - Seite 2
Aquarell - Seite 6
Überarbeitung mit Buntstiften - Seite 4